Teilnehmer einer Exkursion
10. bis 14. Juni 2026

tu! Hambach

Die Zukunft des Rheinischen Reviers entsteht nicht an einem Ort, sondern im Austausch vieler Menschen und Initiativen. Die tu! Hambach schafft dafür Räume: für Diskussionen, Experimente, Begegnungen und neue Kooperationen. Die vierte Ausgabe brachte über 700 Menschen zusammen und setzte zahlreiche Impulse für die weitere Entwicklung der Region.

Die tu! Hambach lebt vom Austausch – auf den Bühnen und dazwischen.

Viele Gespräche, neue Kontakte, frische Impulse: Die tu! Hambach 2026

Fünf Tage Austausch, Diskussion und Begegnung liegen hinter den Beteiligten der vierten tu! Hambach. Menschen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Bildung, Verwaltung, Politik und Kultur kamen zusammen, um über die Herausforderungen und Chancen des Struktur­wandels im Rheinischen Revier zu diskutieren. Mit insgesamt über 700 Teilnehmenden zieht das Projektteam der NEULAND HAMBACH eine positive Bilanz.

„Man bewertet den Erfolg einer Veranstaltung oft nur anhand der Anzahl der Besuchenden. Das wird den vielen spannenden Gesprächen, neuen Kontakten und inhaltlichen Impulsen aber nicht gerecht“, sagt Jana Weber, Projektleiterin der tu! Hambach. „Gleichzeitig freuen wir uns natürlich über das große Interesse und die vielen Menschen, die in diesem Jahr dabei waren.“ 

Die fünf Veranstaltungstage boten ein vielfältiges Programm mit Workshops, Vorträgen, Ausstellungen, Exkursionen und kulturellen Angeboten in Bürgewald sowie an weiteren Orten im Rheinischen Revier. Besonders großes Interesse fanden die Angebote zum Thema Bauwende, darunter ein Workshop zum Bauen mit Hanfbeton, die Zukunftsroute durch Bürgewald sowie die Diskussion zur Zukunft der alten Malzfabrik in Buir. Auch die Eröffnung mit der Band Shady Blue sowie das Familienprogramm zum Abschluss sorgten für besondere Momente. 

Die tu! Hambach war im ganzen Rheinischen Revier unterwegs.

Ein Schwerpunkt der diesjährigen Ausgabe lag auf der Weiterentwicklung des Formats. Ziel war es, den Konferenzcharakter der tu! Hambach stärker mit Elementen eines Sommerfests zu verbinden. Gemeinsame Mahlzeiten, ein Filmabend, Yoga-Angebote und weitere Begegnungsformate schufen zusätzliche Räume für Austausch und Vernetzung. „Vieles von dem, was wir in diesem Jahr neu ausprobiert haben, hat gut funktioniert“, resümiert Jana Weber. „Gerade die gemeinsamen Essenszeiten haben gezeigt, wie wichtig informelle Begegnungen für die Veranstaltung sind.“ 

Positiv bewertet wurde auch die stärkere Einbindung verschiedener Orte im Revier. Gleichzeitig lieferte die Veranstaltung wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung des Formats. So soll unter anderem diskutiert werden, wie die Zahl paralleler Programmpunkte reduziert und die räumliche Organisation (v.a. in Bürgewald) künftig noch übersichtlicher gestaltet werden kann. Obwohl die tu! Hambach 2026 mehr Bürger:innen aus der Region erreicht hat, bleibt die Frage im Fokus, wie unterschiedliche Zielgruppen künftig noch besser angesprochen und eingebunden werden können. 

Anpacken statt nur darüber reden: Der Do-it-yourself-Gedanke gehört seit Beginn zur tu! Hambach.

Impulse für die tu! 2027

„Ich möchte auf jeden Fall die Idee des gemeinsamen Essens weiterdenken.“, sagt Jana Weber. „Dieses Jahr haben wir die Verpflegung größtenteils über Catering organisiert. Das kam gut an und ist wichtig, da es vor Ort keine Möglichkeit gibt, sich schnell was zu besorgen. Für die Zukunft können wir uns vorstellen, den gemeinschaftlichen Do-it-yourself Spirit der tu! dabei noch stärker zu betonen. Zum Beispiel gemeinsam etwas zu kochen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass besonders die Beiträge gut funktioniert haben, bei denen verschiedene Institutionen zusammengearbeitet haben.“ 

Ein möglicher Ansatz könnte daher sein, Ressourcen stärker zu bündeln und gemeinsam größere Formate zu entwickeln. In den nächsten Wochen wird die tu! Hambach gemeinsam mit Projektpartner, Beitragenden und weiteren Beteiligten ausgewertet. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Planung der tu! Hambach 2027 ein. Bis dahin bieten kleinere tu!-Pop-up-Events die Möglichkeit, aktuelle Themen aufzugreifen, Kooperationen zu vertiefen und neue Impulse für die nächste Ausgabe zu sammeln. Die NEULAND HAMBACH bedankt sich bei allen Beitragenden, Projektpartner:innen, Unterstützer:innen und Besuchenden, die die tu! Hambach 2026 mit ihrem Engagement, ihren Ideen und ihrer Beteiligung möglich gemacht haben.

Programmheft

Ausführliche Informationen zu allen Programmpunkten der tu! Hambach.

Interview: Dominik Ortseifen, Struktur­wandelmanager der Gemeinde Merzenich

Was hat dich an der Idee der tu! Hambach sofort angesprochen? 

Ganz einfach: die Idee eines Festivals. Ich stelle mir vor, dass über mehrere Tage ein intensiver Austausch stattfindet. Das kann in einer Podiumsdiskussion sein oder während des gemeinsamen Mittagessens. Diese Mischung und das Ziel, möglichst viele unterschiedliche Menschen anzusprechen, finde ich super. 

Für mich persönlich bietet die tu! außerdem die Chance, noch tiefer in den Struktur­wandel einzutauchen. Ich bin erst seit rund acht Monaten dabei und merke, dass ich viele Aspekte, Themen und Menschen noch nicht kennengelernt habe. 

 

Mit welchen Eindrücken bist du in das Projekt gestartet? 

Mein erster Eindruck war, dass die tu! vielen Beteiligten bereits sehr ans Herz gewachsen ist. In den vergangenen Jahren wurde mit Engagement und in kurzer Zeit gemeinsam viel auf die Beine gestellt. Das hat der Veranstaltung eine besondere Dynamik verliehen. 

Außerdem habe ich den Eindruck, dass sich viele freuen, Menschen, die sie sonst eher aus formellen Zusammenhängen kennen, in einer offeneren Atmosphäre zu begegnen. In den ersten Gesprächen fiel häufig der Begriff „Common Ground“ – ein gemeinsamer Raum für Austausch. Dafür bietet die tu! sehr gute Voraussetzungen. 

 

Was ist euch als Gastgeber wichtig? 

Wir als Gemeinde möchten zeigen, dass Bürgewald ein Ort ist, in dem etwas passiert, in dem was gemacht werden kann, der offen für Ideen ist, in dem die verschiedensten Menschen willkommen sind und in dem man was entdecken kann. Es geht nicht darum, den Ort zu inszenieren, sondern zu zeigen, wie er ist: im Wandel und voller Möglichkeiten.

 

Du warst von Anfang an bei der Planung von Gemeindeseite aus dabei. Wie erlebt man die Zusammenarbeit in einem Projekt, an dem so viele unterschiedliche Akteur:innen beteiligt sind? 

Direkt aufgefallen ist mir, wie unterschiedlich die Sichtweisen, Erwartungen und Prioritäten rund um die tu! sind. Wir haben viele Fragen diskutiert: Wen wollen wir erreichen? Soll die Veranstaltung vor allem ein breites Publikum ansprechen oder der Vernetzung dienen? Welche Themen sollen im Mittelpunkt stehen? Wer kann welche Verantwortung übernehmen? Aus diesem anfänglichen Findungsprozess ist Schritt für Schritt ein gutes und konstruktives Miteinander entstanden. 

 

Die tu! bringt Verwaltung, Initiativen, Wissenschaft, Kultur und Bürgerschaft zusammen. Warum ist genau diese Mischung wichtig? 

Für mich besteht ein wesentliches Ziel darin, die unterschiedlichsten Menschen und Perspektiven des Struktur­wandels zusammenzubringen. Man begegnet sich, lernt sich kennen und versteht besser, woran andere arbeiten und welche Themen sie bewegen. Dieses Verständnis scheint mir immens wichtig, wenn man die Menschen vor Ort bei den Entwicklungen mitnehmen möchte.

 

Bürgewald steht wie kaum ein anderer Ort für die Veränderungen im Rheinischen Revier. Was bedeutet es, gerade dort ein Zukunftsformat wie die tu! auszurichten? 

Ich finde, die tu! passt sehr gut nach Bürgewald. Hier lässt sich unmittelbar erleben, was Struktur­wandel bedeutet, woher er kommt und wohin er geht. Man sieht den Tagebau Hambach in wenigen hundert Meter Entfernung. Das Dorf steht größtenteils leer, die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner wurden umgesiedelt. Mit dem Ort verbinden sich Geschichten und Emotionen, die man nur schwer nachvollziehen kann, wenn man sie, so wie ich, nicht selbst erlebt hat. 

Gleichzeitig gibt es Ideen, das Dorf wiederzubeleben. Noch ist vieles davon kaum sichtbar, doch das wird sich in den kommenden Jahren ändern – etwa mit dem Bau der neuen Ortsmitte

Um diese beiden Perspektiven erlebbar zu machen, bieten wir am Samstagvormittag einen Dorfspaziergang an. Wo kommt der Ort her und wo will der Ort hin? Bernd Servos (ehemaliger Umsiedler) wird einiges zur Vergangenheit des Dorfes erzählen. Urban Catalyst (Stadtplanungsbüro und für Kommunikation und Beteiligung in Bürgewald zuständig) und das Studio-MRA (Architekturbüro, die den Auftrag zum Bau der neuen Ortsmitte erhalten haben) werden gemeinsam mit mir und NRW.URBAN über die zukünftigen Entwicklungen berichten.

 

Welche Rolle können Formate wie die tu! Hambach im Struktur­wandel übernehmen? 

Da fallen mir einige ein. Erstens bringen solche Formate Menschen und Ideen zusammen. Im Struktur­wandel gibt es viele gute Ansätze. Manchmal fehlen jedoch Mitstreiterinnen und Mitstreiter, um sich an die Umsetzung zu trauen. Manchmal fehlt eine Fläche. Die tu! schafft Räume, in denen genau solche Verbindungen entstehen können. 

Zweitens ermöglicht sie Begegnungen jenseits des Arbeitsalltags. Man kommt ins Gespräch, hört gemeinsam ein Konzert oder spricht bei einem Kaffee. Ich denke, das stärkt die Zusammenarbeit und mach sie oft unkomplizierter. Und es ist einfach nett, Menschen, die man sonst nur in Kacheln auf dem PC sieht, in diesem Kontext zu treffen. 

Drittens bietet die tu! Menschen, die sich nicht beruflich mit dem Struktur­wandel beschäftigen, einen niedrigschwelligen Einblick in aktuelle Entwicklungen. Viele Themen und Projekte werden hier gebündelt und leicht zugänglich vermittelt. 

 

Oft wird über den Struktur­wandel in großen Projekten gesprochen. Welche Bedeutung haben Begegnung, Austausch und gemeinsames Diskutieren dabei?

Für mich geht es dabei vor allem um neue Perspektiven. Ich freue mich darauf, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, denen ich im Arbeitsalltag selten begegne. Solche Begegnungen helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen und neue Impulse mitzunehmen. 

 

Worauf freust du dich persönlich bei deiner ersten tu! am meisten? Gibt es Programmpunkte oder Begegnungen, auf die du besonders gespannt bist? 

Vor allem auf die Atmosphäre, die die tu! schaffen möchte. Auf gemeinsame Mittagessen, spontane Gespräche und darauf, durch Bürgewald zu gehen, Menschen zu treffen und sich von den Veranstaltungen und Ideen inspirieren zu lassen.

 

Was wünschst du dir, dass Gäste nach einem Tag auf der tu! mit nach Hause nehmen? 

Das Gefühl, dass im Rheinischen Revier was passiert. Dass es viele gute Ideen gibt, die entweder schon in Projekte gegossen wurden oder die in Projekte gegossen werden können, wenn das gewollt ist. Das Gefühl, sich zu Themen oder Projekten, die einen interessieren, einzubringen. Und den Impuls, am nächsten Tag oder im nächsten Jahr wiederzukommen. 

 

Wenn die vierte tu! Hambach vorbei ist — was wäre für dich ein gelungener Ausgang der Veranstaltung? 

Wenn viele Menschen das Gefühl haben, einen inspirierenden und offenen Ort erlebt zu haben. Einen Ort, an dem sie gerne geblieben sind, sich wohlgefühlt und neue Eindrücke gewonnen haben. Vielleicht haben sie dadurch sogar einen Programmpunkt entdeckt oder ein Gespräch geführt, das sie sonst verpasst hätten. Dann wäre die tu! für mich ein Erfolg.

Gastbeitrag: Isabel Maria Finkenberger

„The next big thing will be a lot of small things.“ Thomas Lommée (2010)

Veränderung ist Teil des Alltags. Wir alle machen kontinuierlich neue Erfahrungen, entwickeln uns weiter und lernen, mit unterschiedlichen Situationen, Beziehungsgefügen und Herausforderungen umzugehen. Der Wunsch nach Sicherheit und Eingebundensein, aber auch nach Neuem und Unbekanntem prägen unser Denken und Handeln in unterschiedlichen Ausprägungen. All diese individuellen Erfahrungen sind dabei Teil einer größeren sozialen, ökonomischen und ökologischen Realität, die sich permanent im Wandel befindet und im jeweiligen Hier und Jetzt immer wieder neu verhandelt werden muss. 

Im Rheinischen Revier ist diese Neuverhandlung derzeit besonders sichtbar, die Verschiebung der über Jahrzehnte geprägten Realität besonders spürbar: durch tiefgreifende Veränderungen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen, von Branchen und Lebensentwürfen; durch die offensichtlichen gravierenden Eingriffe in die Kulturlandschaft, das kulturelle Erbe und die Lebensräume unterschiedlicher Spezies sowie in das lokale Klima, die natürlichen (Wasser-)Kreisläufe und Stoffströme; und durch die Diversifizierung der über Jahrzehnte geprägten Top-Down-Politiken der Braunkohleverstromung und dessen monopolisierter Akteurslandschaft.

Mit der Verschiebung ergibt sich aber auch die Chance, gemeinsam darüber nachzudenken, wie ein Leben in und mit der Region und mit Blick auf die zukünftigen Generationen aussehen kann. Die Idee von Gemeinwohl als das Wohl einer Gemeinschaft zugunsten von Allen und zulasten von Einzelinteressen, ist Teil dieser Verhandlungsmasse. Was zu einem anderen Zeitpunkt in der Geschichte als Gemeinwohl galt, ist dabei ein wichtiger Teil der Reflexion und Grundlage der Neujustierung auf Basis des heutigen faktischen Wissens, fundierter Prognosen, aktueller Rahmenbedingungen und Entwicklungen – und auf Basis der unterschiedlichen Perspektiven und Hintergründe, die die Menschen vor Ort einbringen. 

Und was genau hat das jetzt alles mit der Bauwende zu tun? 

Der Begriff der Bauwende bezeichnet die ganzheitliche Umstellung der Baubranche hin zu nachhaltigen, kreislaufgerechten und klimafreundlichen Praktiken. Diese neuen Praktiken denken Materialherstellung, Bau, Nutzung und Rückbau zusammen. Sie suchen Ressourcen zu schonen, in dem sie Flächen reduzieren, langlebige, nach­wachsende, gut recycelbare und wiederverwendbare Baustoffe verwenden und den bestehenden Gebäudebestand effizient nutzen. Und sie verknüpfen ökologische, ökonomische und soziale Ziele durch Synergiebildung und neue Kooperationen und Prozesse. 

Die Beschreibung klingt zunächst sehr theoretisch und nach einer 180°–Wende der bisherigen Praxis. Also alles anders und vorher alles falsch? 

Der Status Quo der heute etablierten Handlungspraxis der Baubranche und den damit verbundenen Wohnvorstellungen und Alltagspraxen beruht auf historisch entstandenen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen. Der Struktur­wandel von einer Agrar- zu einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft ist unter anderem auf vielfältige technologische Innovationen, auf immer größere Erreichbarkeiten und globale Verfügbarkeiten von Ressourcen und Arbeitskräften zurückzuführen. Mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Wirtschaftswunder wurden durch höhere Einkommen auch neue Nachfragen geschaffen und eine Idee von Wohlstand etabliert, die auf der Nutzung von immer mehr Flächen und Ressourcen beruht. Neuer Materialien wie Stahlbeton und industrielle Verfahren haben die Architekturproduktion stark verändert, und generische Bilderwelten sie zusehends vom lokalen Kontext entkoppelt. 

Baukultur als Praxis einer lokalen Wertschöpfung, die auf regional verfügbaren Ressourcen, Produktionsweisen und Rahmenbedingungen beruht und die in ihrer Formgebung auf das lokale Klima, die Kulturlandschaft und die vor Ort immanenten kulturellen Praxen reagiert, wurden vielfach abgelöst von oft willkürlichen und austauschbaren Architekturen. Und die Wertschätzung und Langlebigmachung von Architektur durch Reparatur, Um- und Weiterbau wurde abgelöst durch eine Strategie von Abriss und Neubau mit der Idee von Boden als Ware und Architektur als Produkt mit begrenzter Haltbarkeit. 

Der derzeitige Struktur­wandel im Rheinischen Revier als Konsequenz des Ausstiegs aus der Braunkohleverstromung und immer komplexerer Realitäten und Gleichzeitigkeit, hinterfragt jedoch die etablierten Handlungsmuster nicht nur, sondern fordert auch neue Lösungen über Innovationen, und durch Exnovationen – das bewusste Verlernen und Abschaffen von Praktiken, die nicht nachhaltig sind oder Veränderungen behindern. Er eröffnet vor allem aber die Möglichkeit, die etablierten Pfade neu zu justieren und einen gemeinsamen Wertediskurs im und für das Revier zu führen – zugunsten einer neuen Umbaukultur und Klimakulturlandschaft, die die bestehenden Architekturen und Siedlungsstrukturen zum Ausgangspunkt nimmt, deren Wert erkennt und diesen durch eine Praxis der zirkulären Wertschöpfung weiterdenkt. 

Die Wiederverwendung von Bestandsmaterialien und ganzen Bauteilen, oder die Nutzung nach­wachsender Rohstoffe wie Holz, Hanf oder Stroh, aber auch regional verfügbarer Ressourcen wie Lehm spielen in dieser Umbaukultur eine zentrale Rolle, ebenso wie neue Koalitionen und Prozesse zwischen Eigentümer*innen und Architekt*innen, Handwerk und Denkmalpflege, Rückbauunternehmen, Baustoffindustrie und Produzent*innen nach­wachsender Rohstoffe, Forschung und Politik. 

Noch sind diese neuen Verfahren und Schnittstellen nicht etabliert und stoßen immer wieder an strukturelle oder rechtliche Grenzen. Und noch sind sie Ausnahmen im etablierten Regime des Bauens und daher auch oft noch zu teuer. Gleichwohl hat die Initiative um den sogenannten Gebäudetyp E – E für einfaches oder experimentelles Bauen im Bestand – gezeigt, dass eine Rückbesinnung auf grundlegende Basis-Prinzipien des Bauens zugunsten niedrigerer Kosten und zulasten einer vermeintlich besseren Ausstattung durch immer mehr Regeln und Normen, enorme Möglichkeiten freisetzt. Und auch der Blick bspw. nach Dänemark lohnt sich, wo die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen mittlerweile über eine verpflichtende CO₂-Bilanzierung weitestgehend etabliert und darüber auch finanzierbar ist. 

Der Umgang mit dem Bestand verlangt aber auch nach einen Perspektiv­wechsel in der architektonischen Gestalt. „Wünsch Dir was“ wird abgelöst durch das Vorhandensein von Rahmenbedingungen in Typologie, Konstruktion, Materialität, Gestalt, Bausubstanz und materieller Verfügbarkeit. Der oft mit dem Bauhaus in Verbindung gebrachte Leitsatz „form follows function“ wird mit der neuen Umbaukultur zu „form follows ressource“ oder auch „form follows context“. Vor allem aber entstehen durch das Bestehende Möglichkeiten und Gestaltungen, auf die man so nie gekommen wäre. Die über ihre Patina und die Überlagerung unterschiedlicher Schichten eine ganz spezifische Erzählung von Entstehungsgeschichte und Nutzung über die Zeit in die Zukunft tragen. Die ihre Wirkungsmacht nicht über den individuellen Geschmack oder das Viele entfalten, sondern vielmehr über das sehen und spüren des Gebrauchs. 

Die Bauwende als kollektives Schmiermittel der Region

Was also bedeutet Heimat im Rheinischen Revier, das als „größten Landschaftsbaustelle Europas“ notwendigerweise neu verhandelt werden muss? Wie kann trotz, oder gerade aufgrund ganz unterschiedlicher Hintergründe und Haltungen in Bezug auf die in der Region verankerten Konflikte der vergangenen Jahrzehnte eine regionale Identität und eine kollektive Aufbruchstimmung entstehen, die produktiv mit den vielen Wiedersprüchen umgeht und beweist, dass Wandel gemeinsam möglich ist? Wie entsteht eine neue rheinische Umbaukultur, die auf dem heutigen Wissensstand, den vor Ort gewachseneren Siedlungsstrukturen und Gebäudebeständen aufbaut und diese wertschätzt? Die die vor Ort immanenten kulturellen Praxen und lokalen Gegebenheiten aufnimmt? 

Gerade die Rückbesinnung auf den für die oder den Einzelne*n greifbaren Maßstab und die hiermit verbundenen Möglichkeiten, das eigenen Lebens- und Arbeitsumfeld mitzugestalten, vor Ort Teil der umbaukulturellen Praxis und damit auch der Bauwende zu werden, entfacht jene Selbstwirksamkeit, die man durch die bisherigen Politiken von Oben vermisst. 

Keine*r sagt, dass es einfach wird, Dinge anders anzugehen. Und auf die Frage: Also alles anders und vorher alles falsch? Auf keinen Fall. Aber wir haben als Gesellschaft die Pflicht, unser bisheriges Handeln, oder auch Nicht-Handeln in Bezug auf die heutigen Realitäten und Herausforderungen kritisch zu reflektieren und mit dem aktuellen Wissen, mit den Fakten und den vorhandenen Ressourcen weiterzuentwickeln. Nicht die Systeme geben vor, was zu tun ist, sondern wir als Menschen, die die Systeme schaffen und tragen. Und manchmal bieten sich gerade in der Notwendigkeit erforderlicher Veränderungen Möglichkeiten, die im rituellen Alltagshandeln so nie sichtbar gewesen wären. Lasten abzuwerfen und sich auf das zu besinnen, was wichtig ist und was man wirklich braucht, anstelle eines Wohlstands, der auf einer Erzählung von rein materiellem Konsum beruht. 

Lasst uns gemeinsam neugierig und auch mutig sein und die großen Aufgaben, die vor uns liegen, zusammen angehen! Polemik, Eigeninteressen und das Spiel mit der Angst der Menschen bringt uns nicht weiter. Lasst uns vielmehr die Bauwende rocken und daraus einen Mehrwert für das Revier und alle dort Lebenden und Wirtschaften generieren – jetzt, für das Gemeinwohl und im Einklang mit unserer Umwelt! 

Prof. Dipl.-Ing. Isabel Maria Finkenberger, FH Aachen | Fachbereich Architektur

Über die tu! Hambach

Das Projekt „tu! Hambach – Begegnungs- und Impulsort im Zukunftsrevier“ wird gefördert durch das BMWE. Die tu! Hambach wird als kooperative Veranstaltung durchgeführt. Für die Koordination und Organisation ist das Projektteam der NEULAND HAMBACH GmbH verantwortlich. Die konzeptionelle und inhaltliche Ausgestaltung erfolgt in enger Abstimmung mit: der RWTH Aachen, FH Aachen, dem BioökonomieREVIER/Forschungszentrum Jülich, Landschaftsverband Rheinland, der Gemeinde Merzenich und NEULAND HAMBACH. Begleitet und unterstützt wird die tu! Hambach zusätzlich durch: das Kompetenzzentrum Regionalentwicklung (KRE), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), den NABU NRW - „MutZuRNatuRR“, das Nell-Breuning-Haus, das DGB-Projekt REVIERWENDE und die Zukunftsagentur Rheinisches Revier.

Fragen & Antworten zur tu!?

Für das Programm auf der tu! Hambach 2026 ist grundsätzlich keine Anmeldung erforderlich. Um an Workshops, Vorträgen und Diskussionen teilzunehmen, empfiehlt es sich jedoch, frühzeitig am Veranstaltungsort zu sein. Für einige Exkursionen, Workshops oder Mitmachaktionen hingegen ist eine Anmeldung erforderlich bzw. gewünscht. 

Informationen dazu, ob und wo man sich anmelden muss, stehen unter dem jeweiligen Programmpunkt.

Zentraler Veranstaltungsort ist die ehemalige Kita in Bürgewald (Ellener Straße 26, 52399 Merzenich). In Bürgewald gibt es außerdem weitere Veranstaltungsräume im Ort. Am Freitag, 12. Juni 2026, finden zahlreiche Exkursionen an unterschiedlichen Orten im Rheinischen Revier statt. Außerdem findet das Nachmittagsprogramm am Samstag, 13. Juni 2026, in der alten Malzfabrik in Buir statt. 

Detaillierte Hinweise zu den jeweiligen Veranstaltungsorten und Treffpunkten finden Sie im Programm der tu! Hambach. 

Hinweis: Die Barrierefreiheit der Veranstaltungsräume ist nicht vollumfassend sichergestellt.

Anreise mit dem öffentlichen Nahverkehr, Bus und Fahrrad 

Ab Aachen mit dem RE nach Düren. Ab Köln oder Düren mit der S19 nach Merzenich Bhf oder Buir Bhf. 1 bis 3 S-Bahn-Fahrten pro Stunde täglich. 

Ab der S-Bahn-Haltestelle Buir Bhf nach Bürgewald Zu Fuß ca. 45 Minuten oder mit dem eigenen Fahrrad in 15 Minuten. Fahrradmitnahme in der S-Bahn durch Zusatzticket möglich. An der Bahnstation Buir und an anderen Orten im Erftverband sind Mobic-Leihräder ausleihbar. 

Ab der S-Bahn-Haltestelle Merzenich Bhf nach Bürgewald Mit dem Bus (Linie 229, Busabfahrt ggf. ab Haltestelle „Abzweig Merzenich“) werktags 3 bis 4 Fahrten täglich bis mittags ggf. auch nachmittags, bitte vor gewünschter Abfahrt über die gängigen Apps prüfen. Zielhaltestelle in Morschenich-Alt: „Feuerwehrhaus, Merzenich – Morschenich“.

Nein, die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos. Auch die Verpflegung wird überwiegend kostenfrei angeboten. Teilweise werden Schulklassen Kaffee und Kuchen verkaufen. Zudem freuen sich einzelne Programmpunkte über Spenden für ihr Programmangebot. Wir empfehlen daher, etwas Bargeld mitzubringen.